Pferd eindecken: wann die Decke nötig ist und wann nicht

Ein gesundes, ungeschorenes Pferd verträgt weit mehr Kälte als sein Besitzer. Was Leitlinien, Tierärzte und Forschung zu Scheren, Alter, Witterungsschutz, Nässe und Wind sagen und warum zu warmes Eindecken ein eigenes Risiko ist.

Mostafa Zamani7 Min. Lesezeit

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Pferdedecken unterschiedlicher Stärke über einem bereiften Holzbalken in einem gepflasterten Stallhof im ersten Morgenlicht, rechts ein braunes Pferd, das über eine Boxentür blickt, sein Atem in der kalten Luft sichtbar.

Die erste kalte Oktobernacht kommt, die halbe Stallgasse trägt schon Winterdecke, und Sie stehen mit einer Decke über dem Arm vor der Box und fragen sich, ob ausgerechnet Ihr Pferd heute Nacht friert. Ob Sie Ihr Pferd eindecken müssen, entscheidet weit weniger das Thermometer als das Tier, das vor Ihnen steht: sein Fell, sein Alter, sein Futterzustand, der Witterungsschutz, den es hat, und ob es nass ist.

Dieser Text ist für Erstbesitzer im ersten Herbst. Er zeigt, wie viel Kälte ein Pferd verträgt, welche Pferde eine Decke brauchen und warum zu viel Decke ein eigener Fehler ist.

Ihr Pferd friert nicht, nur weil Sie frieren

Die Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten, 2009 vom Bundeslandwirtschaftsministerium herausgegeben, sind deutlich. Pferde verfügen danach unabhängig von der Rasse über „hervorragende Mechanismen“, um sich der Umgebungstemperatur anzupassen, und vertragen bei entsprechender Gewöhnung „ohne Probleme Hitze und Kälte sowie größere Temperaturschwankungen“. Rechtsverbindlich sind die Leitlinien nicht, das schreibt das Ministerium selbst.

PM-Forum Digital, das Mitgliedermagazin der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), schreibt in Ausgabe 01/2025 von einer breiten thermoneutralen Zone zwischen 0 und 25 Grad Celsius. Das französische Pferdeinstitut IFCE setzt in seinem Merkblatt zur Anpassung an die Kälte für ein ungeschorenes Pferd in gemäßigtem Klima ungefähr 5 bis 25 Grad an, für einen bekleideten Menschen 18 bis 24 Grad. Hilfe in Form von mehr Futterenergie und einem Unterstand braucht ein gesundes erwachsenes Pferd laut IFCE erst unterhalb von etwa minus 15 Grad.

Dass die Zahlen auseinanderliegen, hat einen Grund. Eine Übersichtsarbeit norwegischer Forscher von 2020 hält fest, dass diese untere kritische Temperatur kein fester Wert ist: Sie hängt von Alter, Rasse, Fell, Fütterung, Futterzustand und Gewöhnung ab, und jede Zahl gilt nur für die Pferde, an denen sie gemessen wurde. Eine Studie fand plus 5 Grad bei Trabern, die an 15 bis 20 Grad gewöhnt waren, eine andere minus 15 Grad bei Quarter Horses, die an den Winter gewöhnt waren.

Nässe und Wind zählen mehr als das Thermometer

Dieselbe norwegische Gruppe hat 23 Pferden beigebracht, über drei Symboltafeln mitzuteilen, was sie wollen: Decke drauf, Decke runter oder alles so lassen. Wie die Übersichtsarbeit berichtet, wählten die Pferde unter minus 10 Grad in 80 bis 90 Prozent der Tests die Decke, und über 20 Grad wollte jedes getestete Pferd sie loswerden. Dazwischen entschied das Wetter. Bei 10 Grad und schönem Wetter baten nur 5 Prozent der Pferde ohne Decke um eine, an einem Tag mit 6 Grad, Regen und starkem Wind dagegen jedes getestete Pferd.

In einer Herde Islandpferde, die den Winter bei bis zu minus 30 Grad mit Unterstand draußen verbrachte, verzeichnet die Übersichtsarbeit Zittern nur ein einziges Mal: an einem Tag mit plus 5 Grad und starkem Regen. Der Winterratgeber der University of Minnesota in den USA hält fest, dass schon 0,1 Zoll Regen, etwa 2,5 Millimeter, Kältestress auslösen können, weil das Fell verklebt. Ein trockenes Winterfell hält Luft fest, ein durchnässtes nicht.

Die erste Frage an einem kalten Abend ist deshalb, ob das Pferd aus Regen und Wind herauskann. Die Leitlinien verlangen einen Witterungsschutz, wenn Pferde ganzjährig oder über einen längeren Zeitraum ganztägig auf der Weide gehalten werden. Die norwegischen Forscher nennen einen Unterstand die flexiblere Lösung und die Decke eine nützliche Ergänzung bei schlechtem Wetter.

Pferd eindecken: Temperatur ist nur ein Faktor

Wann eine Decke nötig ist, zählt der Ratgeber aus Minnesota auf. Die Liste handelt vom Pferd, nicht vom Datum:

  • es gibt draußen keinen Unterstand, und Temperatur oder gefühlte Temperatur fallen unter 5 Grad Fahrenheit, also minus 15 Grad Celsius
  • das Pferd wird voraussichtlich nass, durch Regen oder Eisregen
  • sein Winterfell ist geschoren
  • es ist sehr jung oder sehr alt
  • es ist nicht an die Kälte gewöhnt
  • sein Body Condition Score liegt bei drei oder darunter

Die deutschen Texte setzen beim Fell an. Nach den Leitlinien von 2009 sollen sich das Eindecken zur Verhinderung des Fellwachstums und das Scheren „an den Notwendigkeiten“ orientieren. Weiter geht die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT): In ihrem Positionspapier vom Februar 2022 schlägt sie vor, dass das Eindecken „nur die Ausnahme“ sein sollte, etwa bei alten oder kranken Pferden und Pferden mit Ekzemen. Das ist ein Vorschlag der Tierärzte zur Überarbeitung der Leitlinien, nicht deren geltender Text.

Das Scheren entscheidet das meiste. Das IFCE sieht die untere Grenze eines geschorenen Pferdes näher bei 5 Grad als bei minus 15 und hält eine Decke dann für nötig. Wer schert, hat also das Eindecken für den ganzen Winter übernommen. Das Mitgliedermagazin der FN rät, in den meisten Fällen auf beides zu verzichten und, wenn das Scheren notwendig ist, möglichst eine Teilschur zu wählen.

Auch Gewöhnung braucht Zeit. Das IFCE veranschlagt 10 bis 20 Tage für einen Temperatursturz von etwa 15 Grad.

Pferd eindecken: Tabelle oder Blick aufs Pferd?

Die Tabellen, die Grad und Gramm Füllung nebeneinanderstellen, sind im Herbst überall. Keine deutsche Stelle veröffentlicht eine Temperatur, ab der eine Decke aufs Pferd gehört; die Tabellen im Netz stammen vom Reitsporthandel. Auch die in Großbritannien viel geteilte Tabelle des dortigen Branchenverbands trägt den Vermerk, sie sei mit Genehmigung eines Händlers abgedruckt. Falsch macht sie das nicht, aber keine Tabelle sieht, ob Ihr Pferd ein geschorener Vollblüter oder ein Isländer im Winterpelz ist und ob es sich hinter eine Hecke stellen kann.

Weder die Leitlinien des Ministeriums noch der Pferdeleitfaden der EU-Tierschutzplattform, ein freiwilliger Leitfaden ohne Gesetzeskraft, nennen eine Temperatur fürs Eindecken. Am nächsten kommt einer Zahl die British Horse Society: Viele Pferde blieben ohne Decke im Wohlfühlbereich, bis es kälter als 5 Grad wird, und eine dickere Decke solle erst dazukommen, wenn das Pferd Anzeichen von Frieren zeigt.

Die Belege hinter den Grammzahlen sind dünn. In dem einen Experiment, das die Übersichtsarbeit anführt, standen vier Pferde eine Stunde bei minus 23 Grad draußen. Die Oberflächentemperatur über der Lende betrug danach 26,8 Grad unter einer Decke ohne Füllung, 30,3 Grad mit 200 Gramm und 31,5 Grad mit 400 Gramm, gegenüber 22,3 Grad ohne Decke, und der Unterschied zwischen den beiden gefüllten Decken war statistisch nicht signifikant. Vier Pferde an einem kalten Tag sind keine Tabelle.

Zu warm eingedeckt ist auch ein Tierschutzthema

Ein Pferd kann dem Wind aus dem Weg gehen. Eine Decke ablegen, wenn um elf die Sonne herauskommt, kann es nicht. Das Positionspapier der TVT nennt als mögliche Folgen bei eingedeckten Pferden Kreislaufprobleme, ständiges Schwitzen und Koliken, dazu Scheuerstellen und Pilzinfektionen, und es hält fest: „Eine Decke kann den Witterungsschutz nicht ersetzen.“

In einem Punkt ist das Papier schärfer als die Forschung. Es schreibt, jede Art des Eindeckens beeinträchtige die Thermoregulation. Die norwegischen Pferde behielten ihre Decke aber in 66,2 Prozent aller Tests an, und die Forscher fanden kein Anzeichen dafür, dass sie das Tragen als unangenehm empfanden. Ihre Wahl folgte dem Wetter.

Woran Sie ein zu warmes Pferd erkennen, listet die British Horse Society auf: Schwitzen unter der Decke, verstärkte oder schwere Atmung, Mattigkeit oder Gereiztheit, häufiges Scheuern und warme, feuchte Haut. Ihr Test ist eine Hand unter der Decke hinter dem Widerrist, wo sich das Pferd angenehm warm und trocken anfühlen soll.

Ein übergewichtiges Pferd kann im Winter auf natürliche Weise abnehmen, schreibt die Gesellschaft. Zu viel Decke und zu viel Futter zusammen könnten das Risiko für Gewichtszunahme und Hufrehe erhöhen. Das ist ein Rat; eine Studie, die diesen Effekt gemessen hat, haben wir nicht gefunden.

Eine Decke verändert auch das Fell darunter. In einer Studie mit 16 Pferden in Wisconsin war das Halshaar der eingedeckten Gruppe im Januar 43 Millimeter lang, das der Gruppe ohne Decke 58 Millimeter, wobei beide Felle über den Winter demselben Verlauf folgten. Wer seit Oktober eindeckt, hat im Januar ein Pferd mit weniger eigenem Fell.

Eine Routine für den ersten Herbst

Schauen Sie zuerst auf das Pferd und dann auf den Wetterbericht. Zittern, ein fest eingeklemmter Schweif und die Suche nach Schutz gehören zu den Kältezeichen der British Horse Society. Bevor Sie zur dickeren Decke greifen, prüfen Sie, ob genug Heu da ist: Die Verdauung von Raufutter erzeugt nach Angaben der University of Minnesota mehr Wärme als die von Getreide.

Wenn Sie Ihr Pferd eindecken, dann nicht, solange es nass ist, und nehmen Sie die Decke täglich ab, um sie und das Pferd darunter zu kontrollieren; beides rät Minnesota. Können Sie mittags nicht wechseln, empfiehlt die British Horse Society die leichteste Decke, die genügt.

Nichts davon ersetzt Ihren Tierarzt. Ob ein dünnes, krankes oder altes Pferd draußen überwintern kann und welche Decke es braucht, beantwortet die Person, die es untersucht hat.

Wo wir ins Spiel kommen

Hoofine kann Ihnen nicht sagen, ob Ihr Pferd friert. Es kann Sie mit den Leuten zusammenbringen, die man fragen sollte: den Pferdetierärzten im Verzeichnis für das alte oder dünne Pferd und den Reitsportgeschäften für eine Decke, die angepasst ist und nicht aus einer Tabelle stammt. Wenn Sie einen Stall suchen, sind die Pensionsställe der Ort, um nach dem Unterstand auf der Koppel zu fragen und danach, wer die Decken wechselt. Das ist oft ein Extra, wie was im Pensionspreis steckt zeigt. Decken sind eine Zeile in dem Budget, das was ein Pferd im Monat kostet aufschlüsselt.

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