Am Schwarzen Brett im Stall hängt ein Zettel: Wurmkur am Samstag, alle Pferde, dieselbe Paste. Oder Sie haben gerade ein Pferd gekauft, in dessen Papieren nichts darüber steht, wann es zuletzt entwurmt wurde. In beiden Fällen sollen Sie Ihr Pferd entwurmen, ohne zu wissen, ob der Plan dahinter noch stimmt. Der Zettel am Brett ist oft älter als die Empfehlungen, nach denen Tierärzte heute arbeiten.
Dieser Text ist für Erstbesitzer in genau dieser Lage. Er zeigt, was die aktuellen Leitlinien sagen, was eine Kotprobe leisten kann und was nicht, wer in Deutschland ein Wurmmittel abgeben darf und was Sie Ihren Tierarzt fragen sollten. Ein Behandlungsplan ist er nicht: Welches Mittel, wie viel und wann, entscheidet Ihr Tierarzt.
Wie oft Pferde entwurmen? Nicht mehr nach Kalender
Jahrzehntelang lautete die Antwort: alle paar Wochen, der ganze Stall auf einmal. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) beschreibt den Wechsel in ihrem Beitrag zur Entwurmung von Pferden so: weg von Entwurmungen nach einem festgelegten Schema, hin zu Konzepten, die genau auf den jeweiligen Bedarf zugeschnitten sind. Ihr Motto dafür lautet „So viel wie nötig, so wenig wie möglich!“. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) schrieb schon 2019, alle Pferde sollten nur so oft wie unbedingt erforderlich entwurmt werden.
Der Grund sind Resistenzen. Würmer, die eine Behandlung überleben, vermehren sich, und je häufiger ein Stall behandelt, desto schneller setzen sie sich durch. ESCCAP Deutschland, der deutsche Zweig einer europäischen Parasitologen-Vereinigung, hält auf seiner Seite zur Entwurmung von Pferden (Stand August 2026) fest, dass die kleinen Strongyliden gegen eine Wirkstoffklasse vielfach Resistenzen entwickelt haben und gegen eine zweite seltener. Bei Pferdespulwürmern sind Resistenzen gegen eine dritte Klasse beschrieben, vor allem in Gestüten.
Nachschub ist nicht in Sicht. Der US-Pferdetierärzteverband AAEP schreibt in seinen 2024 überarbeiteten Leitlinien zur Parasitenkontrolle, dass seit 40 Jahren keine neue Wirkstoffklasse für Pferde eingeführt wurde und keine zu erwarten ist. Die vorhandenen Mittel wirken zudem kürzer: In den 1990er-Jahren blieben die Eizahlen je nach Wirkstoff 8 bis 16 Wochen niedrig, in Studien seit 2017 nur noch 4 bis 5 Wochen. Dieselbe Leitlinie rät deshalb, nicht mehr alle Pferde ganzjährig in festen Abständen zu entwurmen.
Pferd entwurmen heute: erst die Kotprobe, dann die Wurmkur
Eine internationale Übersichtsarbeit von 2025, die sieben Leitlinien vergleicht, kommt zu dem Ergebnis, dass alle auf Überwachung setzen: erst untersuchen, dann die Pferde behandeln, die es brauchen, und anschließend prüfen, ob das Mittel gewirkt hat. Im Detail unterscheiden sie sich: Die britischen CANTER-Leitlinien von 2026 etwa lassen den Schwellenwert nach Risiko zwischen 200 und 500 Eiern pro Gramm Kot festlegen.
| Quelle | Kotproben | Wann ein erwachsenes Pferd behandelt wird |
|---|---|---|
| ESCCAP und FN, selektive Entwurmung | Im ersten Jahr mindestens viermal, danach dreimal | Über dem Schwellenwert von 200 Strongylideneiern pro Gramm Kot (EpG) |
| ESCCAP Deutschland, Plan nach Alter (2026) | Monitoring per Kotprobe gehört zum Konzept | Je nach Alter bis zu viermal im Jahr; bei ausgewachsenen Pferden zweimal im halbjährlichen Abstand, wenn die Kotuntersuchungen dazwischen keine Wurmeier anzeigen |
| AAEP, USA (2024) | Ein- bis zweimal im Jahr | Jedes Pferd ein- bis zweimal im Jahr als Basis; starke Ausscheider über 500 EpG ein- bis zweimal zusätzlich in der Übertragungssaison |
Die selektive Entwurmung beruht darauf, dass Würmer ungleich verteilt sind. Das BVL geht davon aus, dass nur etwa 20 Prozent der Pferde einer Herde für 80 Prozent der Weidekontamination verantwortlich sind. Findet man diese starken Ausscheider, brauchen die übrigen weniger Behandlungen.
Weniger heißt nicht keine. ESCCAP behält am Jahresende eine Behandlung für die Pferde bei, die während des Jahres keine bekommen haben, und nennt als Voraussetzung der selektiven Entwurmung, dass im Bestand keine großen Strongyliden vorkommen. Die Übersichtsarbeit berichtet, dass genau diese Würmer in Dänemark und Schweden wieder aufgetreten sind, wo die Regeln am strengsten sind. Die europäische ESCCAP-Leitlinie von 2019 verlangt, so selten wie möglich zu behandeln, ohne eine Erkrankung zu riskieren, und knüpft auch ihren Saisonplan an Kotuntersuchungen.
An einer Stelle sind sich die Papiere nicht einig. ESCCAP Deutschland schreibt, Expertinnen und Experten empfählen, bei der Entwurmung zwischen verschiedenen Wirkstoffklassen zu wechseln, damit die Parasiten nicht unempfindlich werden. Die AAEP verlangt dagegen, das blinde Rotieren zwischen Wirkstoffklassen aufzugeben, und setzt auf den Wirksamkeitstest. Welche Klasse in Ihrem Stall noch wirkt, kann nur eine Untersuchung zeigen, und die Wahl des Mittels trifft der Tierarzt.
Für Fohlen und junge Pferde gilt das alles nicht. Die europäische ESCCAP-Leitlinie empfiehlt die selektive Entwurmung nur für erwachsene Pferde, und ESCCAP Deutschland bezeichnet den früheren Rat, Fohlen besonders häufig zu entwurmen, als überholt. Den Plan für ein junges Pferd schreibt der Tierarzt.
Was eine Kotprobe nicht sieht
Die Kotprobe schätzt, wie viele Strongylideneier ein Pferd auf die Weide bringt. Die AAEP hält fest, dass die Höhe der Eizahl nichts über die Zahl der Würmer im Pferd aussagt und nicht zur Diagnose einer Erkrankung taugt. Drei Dinge entgehen ihr: Bandwürmer, bei denen das Standardverfahren weniger als 10 Prozent der Infektionen erkennt, Pfriemenschwänze, deren Eier an der Haut um den After kleben, statt im Kot zu landen, und die Larven der kleinen Strongyliden, die eingekapselt in der Darmwand sitzen.
Auch die FN zieht hier eine Grenze: Der Schwellenwert von 200 EpG beziehe sich ausschließlich auf Strongyliden. Bei allen anderen Parasiten werde behandelt, sobald ein positiver Befund vorliegt, und bei einem einzigen Bandwurmbefund der gesamte Bestand. Die europäische ESCCAP-Leitlinie hält eine Bandwurmbehandlung im Jahr, im Spätherbst oder Winter, in der Regel für ausreichend und sieht sie in ihren Tabellen nur dort vor, wo Bandwürmer im Betrieb gefunden wurden.
Bei den eingekapselten Larven gehen die Einschätzungen auseinander. Die AAEP sieht keine Daten, die einen klinischen Nutzen einer routinemäßigen Behandlung belegen. Die CANTER-Leitlinien halten die Routinebehandlung bei gut gehaltenen erwachsenen Pferden mit geringem Risiko für nicht nötig und wollen sie bei jungen und stärker gefährdeten Pferden erwogen sehen. In Nordeuropa kommt die Erkrankung laut der Übersichtsarbeit mit einiger Regelmäßigkeit vor. Das ist eine Entscheidung über Ihr Pferd und Ihren Stall, kein Termin im Kalender.
Prüfen, ob die Wurmkur noch wirkt
Diesen Schritt verlangen alle Leitlinien. Beim Eizahlreduktionstest wird eine Kotprobe vor der Behandlung mit einer zweiten 14 Tage danach verglichen. Die Faustregel der AAEP: Die Eizahl soll um mehr als 95 Prozent sinken, und der Test gehört einmal im Jahr in jeden Bestand.
Wer Ihnen ein Wurmmittel geben darf
Das BVL hat es 2019 so formuliert: Entwurmungsmittel für Pferde sind verschreibungspflichtig und dürfen nur nach vorheriger Diagnose durch den Tierarzt abgegeben werden. Die Übersichtsarbeit von 2025 beschreibt die Lage etwas anders: Verschreiben dürfen in Deutschland nur Tierärzte, eine Diagnostik sei aber nicht zwingend vorgeschrieben. Fragen Sie Ihren Tierarzt, wie er es handhabt, bevor Sie Ihr Pferd entwurmen lassen.
Vom Kauf im Internet rät das BVL dringend ab, weil darüber gefälschte Tierarzneimittel vertrieben werden können. Pflanzliche Mittel sind kein Ausweg: ESCCAP Deutschland schreibt, dass bislang keine wissenschaftlichen Untersuchungen ihre Wirksamkeit gegen die relevanten Wurmarten beim Pferd ausreichend belegen.
Dahinter steht EU-Recht. Artikel 34 der Verordnung (EU) 2019/6 stuft Tierarzneimittel für Tiere, die der Lebensmittelgewinnung dienen, als verschreibungspflichtig ein, sofern ein Präparat nicht ausdrücklich ausgenommen wird. Pferde gelten als solche Tiere. Anderswo ist es lockerer: In den USA sind Wurmmittel für Pferde frei verkäuflich, in Großbritannien dürfen neben Tierärzten auch Apotheker und eigens qualifizierte Fachleute sie verschreiben.
Deshalb spielt auch der Equidenpass eine Rolle. Nach der Durchführungsverordnung (EU) 2021/963 gilt jedes Pferd als zur Schlachtung für den menschlichen Verzehr bestimmt, solange es im Pass nicht unwiderruflich davon ausgeschlossen wurde. In der Packungsbeilage steht, ob ein Wurmmittel einem solchen Pferd gegeben werden darf und wie lang die Wartezeit ist. Der Tierarzt kann deshalb den Pass sehen wollen.
Ein neues Pferd ohne Entwurmungsgeschichte
Fragen Sie den Verkäufer nach den Unterlagen zu Wurmkuren und Kotproben, wenn Sie die Ankaufsuntersuchung vereinbaren. Gibt es keine, sagen Sie das Ihrem Tierarzt. Das BVL zählt die Quarantäne neu eingestallter Pferde zur guten Stall- und Weidehygiene. CANTER nennt mindestens 21 Tage Quarantäne und will ein Pferd ohne verlässliche Vorgeschichte untersucht und als mittleres oder hohes Risiko eingestuft sehen. Ganz einig sind sich die Leitlinien beim Neuzugang nicht, hält die Übersichtsarbeit fest. Fragen Sie den neuen Stall deshalb vor dem Einzug, nach welchem Konzept er entwurmt und worauf es beruht.
Was Sie Ihren Tierarzt fragen sollten
- Wann sollen bei diesem Pferd Kotproben genommen werden, und ab welcher Eizahl würden Sie behandeln?
- Hat in diesem Stall schon jemand mit einem Eizahlreduktionstest geprüft, welche Wurmmittel noch wirken?
- Wie wollen Sie bei einem Pferd dieses Alters und mit dieser Vorgeschichte mit Bandwürmern und eingekapselten Larven umgehen?
- Was steht im Equidenpass zur Schlachtung, und ändert das, was Sie verschreiben können?
Und eine an den Stallbetreiber: Wie oft wird abgeäppelt? Das BVL nennt zweimal wöchentliches Kotentfernen als Teil guter Weidehygiene, die ESCCAP-Leitlinie rät, den Kot wenn möglich täglich von der Weide zu holen, mindestens aber zweimal pro Woche.
Wo wir ins Spiel kommen
Hoofine kann keine Kotprobe untersuchen und nichts verschreiben. Was es kann: die Leute, die das können, an einem Ort versammeln. Den Pferdetierärzten im Verzeichnis können Sie genau diese Fragen stellen, und bei den Pensionsställen lohnt die Frage nach dem Entwurmungskonzept, bevor Sie einziehen. Kotproben und Behandlung sind eine Zeile im Jahresbudget, das der Beitrag was ein Pferd im Monat kostet aufschlüsselt.



